Was geschah 1915 in Anatolien?

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Im Gedenken an die türkischen Armenier Pandikyan Efendi, Terziyan Efendi, Keresteciyan Efendi, Hogasyan Efendi, Murad Davutyan Efendi und andere patriotische Armenier, die in den Jahren 1919-1922 in der besetzten Hauptstadt İstanbul als Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes unter Einsatz ihres Lebens den türkischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Großmächte unterstützten.

 

Was geschah 1915 in Anatolien?

Ein Disput über die türkisch-armenische Geschichte

Şahin Ali Söylemezoğlu

© Şahin Ali Söylemezoğlu – all rights reserved

Dieser fiktive Disput basiert auf tatsächlichen Fragen und Einwänden, die von verschiedenen Personen im Zusammenhang mit meinen Aussagen ins Feld geführt worden sind. Aus Respekt für die Persönlichkeitsrechte habe ich diese unterschiedlichen Personen in der Gestalt eines fiktiven Journalisten zusammengefasst. Es handelt sich um einen Auszug aus einer umfangreicheren Arbeit zum selben Fragenkomplex.

An Stelle einer Einleitung

Nach einem meiner öffentlichen Referate über türkisch–armenische Beziehungen erzählte mir eine türkische Dame die nachfolgende Begebenheit. Ich habe sie aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Die Erzählerin hat mir gestattet, ihre Geschichte ohne Angabe von realen Namen wiederzugeben.

„Mein Vater hatte einen Onkel. Alle Onkel und Tanten meines Vaters hatten geheiratet, nur dieser Onkel war Junggeselle geblieben. Dieser ledig gebliebene Onkel lebte zusammen mit meiner Großmutter (d. h. mit der Mutter meines Vaters) und seiner verwitweten Schwester (eine Tante meines Vaters) in einem großen Haus in der Stadt Adapazarı. Die Familie hatte jahrelang versucht, diesen ledig gebliebenen Onkel zu einer Eheschließung zu bewegen. Einmal hatte man ihn so sehr bedrängt, dass er sich sogar verlobte. Doch dann hatte er im letzten Augenblick einen Rückzieher gemacht, und war vor den Augen der Gäste vom Tisch des Standesbeamten, an dem die Brautleute bereits Platz genommen hatten, aufgestanden und geflohen.

Das Haus, in dem dieser Onkel, den ich übrigens sehr mochte, mit meiner Großmutter lebte, hatte mehrere Stockwerke und einen großen, schönen Garten. In den Schulferien fuhren wir immer zu meiner Großmutter und verbrachten dort mehrere Wochen. Auch andere Familienmitglieder kamen hinzu, so dass wir unsere Verwandten sehen konnten. Ich, als jüngste Enkelin, genoß bei meiner Großmutter und dem besagten Onkel große Freiheiten. Es gab jedoch eine Ausnahme. In dem Haus meiner Großmutter gab es in dem obersten Stockwerk einen Raum, der meinem unverheirateten Onkel gehörte, und den niemand betreten durfte. Die Tür war stets verschlossen, mein Onkel trug den Schlüssel immer bei sich. Ich war natürlich sehr neugierig und hätte nur zu gern gewußt, was es mit diesem geheimnisvollen Raum auf sich hatte. Doch, es war streng verboten, diesen Raum auch nur zu erwähnen, geschweige denn zu fragen, was sich darin befand.

Es vergingen die Jahre, am Anfang der siebziger Jahre machte ich Abitur. Nach der erfolgreichen Prüfung fuhren wir wieder zu meiner Großmutter und meinem Onkel, in deren großes Haus. Es war die Zeit, in der sich bezüglich der Entwicklung der Türkei eine Wende abzeichnete. Erste, wichtige Schritte in Richtung einer Demokratisierung des Landes wurden gemacht. Die Forderungen für eine Aufhebung der zahlreichen Verbote, die die Meinungsfreiheit beschränkten, wurden immer lauter.

An einem warmen Sommertag saßen wir zum Frühstück in dem Garten. Mein Onkel hatte in der Zeitung »Cumhuriyet« einen Kommentar des bekannten Kommentators İlhan Selçuk gelesen. Selçuk hatte darin sinngemäß geschrieben, dass es unzweckmäßig sei, durch Verbote die Meinungsfreiheit einzuschränken, weil Verbote die Menschen nicht abschrecken sondern um so neugieriger machen würden. Nun gab er die Zeitung zu mir und wollte wissen, was ich von diesem Kommentar hielte. Ich las die betreffende Stelle und erklärte, dass ich voll zustimme. Dann fügte ich hinzu: “Zum Beispiel das Zimmer im obersten Stockwerk, das niemand betreten darf. Dieses Verbot macht mich noch neugieriger und ich möchte umso mehr wissen, was darin zu sehen ist.“ In dem Moment, in dem ich diesen Satz ausgesprochen hatte, hatte ich es schon bereut, und glaubte, dass mein Onkel sehr verletzt sein würde. Er aber blickte mich ein Moment lang schweigend an. Dann sagte er, du willst also wissen, was sich in jenem Zimmer befindet? Dann komm mit. Er stand auf, packte mich an meinem Arm. Wir stiegen die Treppen hoch, schweigend schloß mein Onkel die Tür auf. In dem geheimnisvollen Zimmer befanden sich nur zwei Truhen, die eine groß, die andere etwas kleiner, so wie die Brauttruhen, wie sie früher in Anatolien üblich gewesen waren. In der größeren befanden sich lauter Frauenkleider, die wohl einer jungen Frau gehört haben mögen, und ein schönes, weißes Hochzeitskleid. In der kleineren befanden sich lauter Babysachen. Wie ich mir diese Sachen anschaute, merkte ich, dass mein Onkel sehr traurig geworden war. Angesichts dieses tiefen und stillen Trauers mußte ich ihn unwillkürlich umarmen, und stellte keine Fragen mehr.

Später erzählte mir meine Großmutter die Geschichte dieser Truhen. Mein Onkel hatte sich in seiner Jugend in ein armenisches Mädchen verliebt. Die beiden wollten heiraten, das Mädchen war auch schon schwanger geworden. Da brach der Erste Weltkrieg aus, mein Onkel wurde eingezogen, noch bevor sie die Ehe hatten schließen können. Mein Onkel bat seinen besten Freund, auf seine Verlobte aufzupassen, und fuhr zu seiner Einheit. Einige Monate später erhielt er eine Nachricht von seinem Freund, der ihm mitteilte, dass es im Ort Bestrebungen gibt, die Armenier umzubringen. Er solle schleunigst kommen. Ohne sich die erforderliche Genehmigung zu holen, entfernte er sich von seiner Einheit und kam zu Hause an, jedoch, es war schon zu spät. Man hatte seine Verlobte ermordet, das ungeborene Baby ihr aus dem Leib gerissen. Mein Onkel hat das Andenken seiner ermordeten Verlobte und seines Kindes mit sich getragen, sprach nie darüber, und lebte in Trauer, bis er im hohen Alter seiner geliebten Frau und seinem ungeborenen Kind in den Tod folgte.“ Dies ist die erste Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, sagte die Dame, doch, es gibt auch eine zweite, die Sie hören sollten, und begann ihre zweite Geschichte zu erzählen.

„Mein Vater war Angestellter bei der Sumerbank, deshalb wohnten wir während meiner Schulzeit in verschiedenen Städten in Anatolien, je nachdem, wohin er gerade versetzt worden war. Als ich die mittlere Schule besuchte, wohnten wir in Seydişehir, einer kleinen Stadt südwestlich von Konya. Da mein Vater ein passionierter Hobbygärtner war, hatte er außerhalb der Ortschaft, die damals ein kleines Städtchen war, einen Garten gepachtet, in dem er einen großen Teil seiner Freizeit verbrachte, und wo er Blumen sowie Gemüsen anbaute und insbesondere seine zahlreichen Apfelbäume pflegte. Ein kleiner Teil der Ernte war für die Familie bestimmt, der Rest wurde verkauft. Am vielen Wochenenden nahm er mich auch mit, und wir fuhren mit seinem schwarzen Motorrad hinaus in den Garten, wo ich, während mein Vater sich um seine Obstbäume, Blumen und Gemüse kümmerte, gerne spielte.

Mein Vater hatte in Seydişehir einen armenischstämmigen Freund, der Ara Usta genannt wurde, was auf Deutsch „Meister Ara“ bedeutet. Meister Ara besaß eine KFZ-Werkstatt. Er war älter als mein Vater und sehr schlank. Ich sehe ihn heute noch vor meinen Augen, ein ergrauter Mann im Blaumann. Meistens sagte mein Vater, wenn wir in unserem Garten gewesen waren: Laßt uns auf der Rückfahrt bei Meister Ara vorbei schauen und Tee trinken. Bei diesen Besuchen saßen mein Vater und Meister Ara in dem Büro seiner Werkstatt, ich dagegen blieb im Vorraum, wo normalerweise die Kunden warteten. Ich las die Zeitschriften, die dort herumlagen, während mein Vater und Meister Ara sich unterhielten. Normalerweise konnte ich die beiden Erwachsenen nicht hören, doch manchmal vernahm ich, wie Meister Ara meinem Vater klagend sagte: Ich kann es nicht mehr aushalten, Hüseyin bey! Das ging eine ganze Weile so. Wir fuhren zum Garten, wenn das Wetter es zuließ, und besuchten auf dem Rückweg Meister Ara.

Eines Tages, ich war inzwischen älter geworden, klagte Meister Ara besonders eindringlich. Mein Vater versuchte wie immer, ihn zu beruhigen. Neugierig geworden, fragte ich, noch bevor wir zu Hause angekommen waren, meinen Vater, weswegen Meister Ara so leiden mußte. Mein Vater antwortete knapp und bestimmt, dass ich noch zu jung sei und diese Dinge nicht verstehen würde. Da ich merkte, dass er mir nichts sagen würde, fragte ich nicht weiter. Doch da sich dieser Vorfall mehrere Male wiederholte, und die klagende Stimme von Meister Ara immer eindringlicher wurde, konnte ich meine Neugier nicht mehr zurückhalten. An einem Sommernachmittag, als ich und mein Vater wieder im Garten waren, und ich ihn somit unter vier Augen sprechen konnte, faßte ich ein Herz und fragte noch einmal. Zunächst versuchte mein Vater wie früher, meine Fragen abzuwehren. Doch da ich darauf bestand, erzählte mein Vater die Leidensgeschichte von Meister Ara.

Meister Ara hatte, als er noch ein junger Mann war, in Ostanatolien, ich glaube in der Nähe der Stadt Erzurum gelebt. Es war eine gemischte Ortschaft, sie hatten eine türkische Familie als Nachbarn, mit denen sie gut befreundet gewesen waren. Im Verlauf der türkisch-armenischen Kämpfe überfielen eines Nachts armenische Milizionäre die Ortschaft und begannen, die türkischen Einwohner umzubringen. Auch das Nachbarhaus, in dem die befreundete türkische Familie wohnte, wurde angegriffen. Meister Ara, damals ein frisch vermählter Mann, hörte die Schreie und wollte sofort zur Hilfe eilen, obwohl dies seinen sicheren Tod bedeutet hätte. Doch seine Mutter und seine Frau hielten ihn zurück und baten ihn, nicht hinzugehen, weil dann auch seine eigene Familie gefährdet gewesen wäre. Sie schlossen die Fenster und hielten Meister Ara fest. So mußte Meister Ara in jener Nacht die markerschütternden Todesschreie seiner Nachbarn mit anhören, bis sie verstummten. Schon damals machte sich Meister Ara wegen seiner Tatenlosigkeit große Vorwürfe, bereute sie zutiefst und leidete auch jahrzehnte später daran, weil er seine eigene Haltung als Verrat an der Freundschaft empfand.“

Die referierten Geschichten mögen uns eine Vorstellung über das immense Leiden geben, die Millionen von Menschen in den Jahren 1914-1922 erleiden mußten. Für mich ist der Gedanke an das Leiden der Kinder und der Mütter besonders bedrückend. Diese Arbeit ist ein Versuch, über weniger bekannte Aspekte der armenisch-türkischen Geschichte möglichst sachlich zu berichten. Bei aller Sachlichkeit dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass hier über Geschehnisse geschrieben wird, in deren Verlauf Millionen von Menschen großes Unrecht erlitten haben. Wir brauchen eine Erinnerung, die allen Aspekten der Ereignisse gerecht wird und keinen Aspekt dieses Leidens ausblendet.

Die Erinnerung an die Millionen von unschuldigen Opfern der Jahre 1914 – 1922 muss wachgehalten werden. Der Respekt  gegenüber allen unschuldigen Opfern, ganz gleich, welcher Abstammung sie auch sein mögen, muss bewahrt werden. So notwendig die Erinnerung ist, sie erfordert auch eine Ergänzung. Denn der Blick zurück (Respekt kommt ja ursprünglich von „zurückblicken“) beinhaltet auch eine Gefahr. Die Erinnerung an dieses Leiden darf uns nicht gefangen nehmen, sodass wir, rückwärtsgewandt, wie die Frau des Lots im Alten Testament, erstarren. Die Trauer darf nicht uns unserer Fähigkeit berauben, auch vorwärts zu schauen und die heute erforderlichen Schritte zu finden, die in eine friedliche Zukunft und zu einem gedeihlichen Miteinander zum Wohle Aller führen.

Was geschah in Anatolien?

Ein Disput über die türkisch-armenische Geschichte

Journalist: Warum leugnen Sie den Völkermord an den Armeniern?

Autor: Ich bestreite nicht, dass die Osmanische Regierung 1915 zahlreiche Armenier in Anatolien zwangsweise in die südlichen Provinzen verschickt hat und dass dabei Hunderttausende von Unschuldigen ihr Leben verloren haben. Aber, meiner Meinung nach war es kein Völkermord.

Journalist: Sie geben zu, dass sehr viele unschuldige Armenier ihr Leben verloren haben, Sie wehren sich aber gegen den Begriff Völkermord. Das ist eine widerliche Wortklauberei!

Autor: Ich verstehe Ihre Empörung angesichts des Leidens unschuldiger Menschen. Ich glaube, dass ich Sie auch deshalb gut verstehen kann, weil ich bis Juni 1990 selber geglaubt habe, dass die Vorwürfe an die Adresse der Türken berechtigt seien. Damals hat mir ein Bekannter klargemacht, dass ich wichtige Aspekte des Sachverhalts nicht kenne. Ich begann, zu recherchieren und musste meine Sichtweise ändern.

Journalist: Was haben Sie denn gelesen, dass Sie Ihre Ansichten ändern mussten?

Autor: Meine Literaturliste ist inzwischen so lang, dass ich sie Ihnen nicht zumuten kann. Ich will lieber auf einige Tatsachen hinweisen, die für mich sehr frappierend waren und die mein Umdenken bewirkt haben.

Journalist: Was für Tatsachen?

Autor: Als ich erfuhr, dass während des türkischen Unabhängigkeitskrieges (1919-1922) patriotische Armenier1)Zu ihnen gehörten unter anderem Pandikyan Efendi, Terziyan Efendi, Hogasyan Efendi, Murad Davutyan Efendi, Bedros Garabetyan Efendi und Berç Keresteciyan. Siehe: Kemal Koçer, Kurtuluş Savaşlarımızda İstanbul. İşgal senelerinde M. M. Grupunun gizli faaliyeti, Vakit Basımevi, 1946. sich auf die Seite der Türken und gegen die Siegermächte gestellt und gewichtige Beiträge für den türkischen Sieg geleistet hatten, habe ich mich gefragt, wie das sein konnte. Wenn Pandikyan efendi, Terziyan efendi und die anderen armenischen Patrioten ihre türkischen Kameraden an die Besatzungsmächte verraten hätten, wäre ihnen eine überreiche Belohnung sicher gewesen. Sie haben es jedoch vorgezogen, in einer Situation, wo ein Sieg der türkischen Seite selbst vielen Muslimen als aussichtslos erschien, ihr Leben zu riskieren, um die türkische Unabhängigkeit zu unterstützen. Die Verdienste von Pandikyan efendi, den Kocer als „einen Mann mit Idealen“ bezeichnet, sind besonders hervorzuheben. Offiziell bekleidete Pandikyan eine hohe Position bei dem britischen Geheimdienst, war aber in Wirklichkeit einer der wichtigsten Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes. 2)İstiklal Harbimizde PTT, Ankara 2009, S. 245. Warum hätten diese Armenier in der durch die Siegermächte besetzten Hauptstadt İstanbul ihr Leben einsetzen sollen, um dem türkischen Unabhängigkeitskrieg zu dienen, wenn die Türken vier Jahre zuvor einen Völkermord gegen die Armenier verübt hätten?

Journalist: Merken Sie nicht, dass in allen Zeitungen, Zeitschriften und dutzenden wenn nicht hunderten von Büchern dieser Völkermord im Detail beschrieben worden ist? Die erdrückende Mehrheit der Autoren ist überzeugt davon, dass die Armenier Opfer eines Völkermords geworden sind.

Autor: Die Meinung der Mehrheit ist kein guter Ratgeber, wenn es um die Wahrheitsfindung geht. Sie kennen doch sicherlich den tragischen Fall der Ermordung von acht Türken und eines Griechen durch die NSU?

Journalist: Ja, was hat dies mit dem Völkermord zu tun?

Autor: Auch in ihrem Fall war eine erdrückende Mehrheit überzeugt davon, dass die Ermordeten in krumme Geschäfte verwickelt waren, und dass sie von der türkischen Mafia liquidiert worden seien. Zu diesem Ergebnis kam eine Sonderkommission (SoKo Bosporus) mit 50 Kriminalbeamten, die Verfassungsämter, die Landeskriminalämter, Fachleute mit langjähriger Erfahrung, ausgerüstet mit modernsten technischen Mitteln. Zehn Jahre lang waren alle davon überzeugt, dass die Mörder der Türken auch Türken sein müssten. Ebenso die Medien. Im Februar 2011 ist im Spiegel ein langer Bericht mit dem Titel „Düstere Parallelwelt“ erschienen, in dem akribisch nachgewiesen worden ist, dass diese acht Türken von türkischen Nationalisten und dem türkischen Geheimdienst umgebracht worden sein müssten. Neun Monate später wurde bekannt, dass sie von Nazis ermordet worden sind. Die Mehrheit, alle deutschen Medien und die hochdotierten Fachleute haben sich zehn Jahre lang geirtt. 3)Der Spiegel, 21.02. 2011, Düstere Parallelwelt. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77108510.html

Journalist: Nun gut, wenn Sie der Mehrheit nicht Glauben schenken wollen, worauf wollen Sie sich dann verlassen?

Autor: Das Grundprinzip der wissenschaftlichen Arbeit lautet: Man darf sich auf nichts verlassen. Man muss alles überprüfen.

Journalist: Da haben Sie sich ja viel vorgenommen. Wie wollen Sie überhaupt zu einem Ergebnis gelangen?

Autor: Alleine ist es kaum möglich. Den Einfluss meiner Vorlieben und Ressentiments kann ich nie ganz ausschalten. Ich übersehe leicht meine eigenen Fehler. Aber mit Ihrer Unterstützung könnten wir vorankommen.

Journalist: Wie stellen Sie sich das vor?

Autor: Ich will zeigen, wie die Kernargumente der Verfechter der Völkermordthese entkräftet werden können. Gleichzeitig bitte ich Sie, die Schwachstellen meiner Argumente ausfindig zu machen. So erreichen wir eine doppelte Überprüfung, eine doppelte Betrachtung aus zwei Gesichtspunkten.

Journalist: Sie meinen so wie bei Sokrates und Platon?

Autor: Genau. Wenn ich ihn recht verstanden habe, befürwortet auch Habermas einen vergleichbaren Weg.

Journalist: Sokrates hin, Platon her. Ich habe selber als Kind in meinem eigenen Dorf von alten Männern erzählt bekommen, wie man damals die Armenier abgeschlachtet hat.

Autor: Das kann durchaus zutreffend sein. Das Gebiet, in dem sich die armenisch-türkischen Auseinandersetzungen ereignet haben, ist größer als die heutige Bundesrepublik. In manchen Gegenden wurden die Armenier umgebracht. In anderen Gegenden wurden die Muslime massakriert. In anderen Gebieten gab es gegenseitige Massaker, sodass sowohl die Armenier wie auch die Muslime abgeschlachtet worden sind. In wiederum anderen Gebieten ist nichts passiert. Deswegen weist das gesellschaftliche Gedächtnis in der heutigen Türkei je nach Region große Unterschiede auf. Insgesamt hatten im Ergebnis dieser Auseinandersetzungen in dem Zeitraum 1914-1919 die Muslime etwa im selben Verhältnis wie die Christen unter Massaker, Seuchen und Vertreibungen zu leiden gehabt.

Journalist: Wie kommen Sie auf die Idee, dass damals die Muslime im selben Verhältnis unter Massaker, Vertreibungen und Seuchen zu leiden hatten als Armenier?

Autor: Es existiert eine Bilanz, die der amerikanische Präsident Woodrow Wilson aufgrund von umfangreichen Recherchen vor Ort im November 1920 vorgelegt hatte. Dieser Bericht ist bis heute nicht publiziert worden.4)Fundort des Berichts: File 760J.6715/65 in the Central Decimal File 1910-29, Microfilm number T1193, roll 2, record group 59, Records of the Department of State Relating to the Internal Affairs of Armenia 1910-1929, National Archives and Records Administration (NARA). Die entsprechende Feststellung auf S. 69 f. lautet in der Originalsprache: “Due to the tremendous losses of the Turkish and Tartar populations by war casualties, the terrible ravages of diseases (the typhus mortality was well above 50% of those stricken), of massacres, and refugee movements before the Russian advance, the Turkish and Tartar elements have suffered in about equal proportion to the Christian elements.” Auf Seiten 68-70 ist zu lesen, dass in Ostanatolien, die Muslime, die vor dem Krieg dort die Mehrheit gebildet hatten, in Folge der Seuchen, Vertreibungen und Massaker in etwa selben Verhältnis wie die Christen Verluste erlitten haben. Das Ergebnis dieser immensen Verluste an Menschenleben war, dass die Muslime, die vor dem Krieg in Ostanatolie5)In den einschlägigen Publikationen wird dieses Gebiet als “Armenien” bezeichnet., die Mehrheit bildeten, 1918 zu einer Minderheit geworden waren

Journalist: Das kann ich nicht glauben.

Autor: Das ist die Aussage in dem Bericht der Siegermächte, der 1920 unter der Ägide des amerikanischen Präsidenten W. Wilson erstellt worden war. Wilson schreibt in seinem Bericht, dass in Ostanatolien ein armenischer Staat mit einer Fläche von 155.000 km² (mit anderen Worten, etwa halb so groß wie die heutige Deutsche Bundesrepublik) geschaffen werden soll. Dieser Bericht, der zeitnah erstellt worden war, gelangt zu dem Ergebnis, dass die Armenier, die vor dem Weltkrieg lediglich 40 % der Bevölkerung in diesem Gebiet gestellt hatten, im Jahre 1921 etwa 50 % der Bevölkerung ausmachen würden. Dagegen würden die Muslime, die vor dem Krieg einen Anteil von 49 % an der Bevölkerung gehabt hätten, 1921 einen Anteil von nur noch 40 % haben.6)W. Wilson, Full Report …, S. 68-70. Dies ist ein interner Bericht der Siegermächte, der 1920 nach umfangreichen Recherchen erstellt worden ist. Dieser Bericht ist bis heute nicht veröffentlicht worden, ist aber in dem amerikanischen Nationalarchiv (NARA) zu finden.7)Fundort des Berichts: File 760J.6715/65 in the Central Decimal File 1910-29, Microfilm number T1193, roll 2, record group 59, Records of the Department of State Relating to the Internal Affairs of Armenia 1910-1929, National Archives and Records Administration (NARA). Wie kann man angesichts dieses Berichts behaupten, dass türkische Armenier mehrheitlich vernichtet worden seien? Nach diesem Bericht haben die Muslime in dem fraglichen Gebiet größere Verluste erlitten als die Armenier. Ist das nicht sonderbar, dass diejenigen, die einen Völkermord verübt haben sollen, größere Verluste zu beklagen haben, als diejenigen, die einen Völkermord erlitten haben sollen?

Journalist: Die Zahlen in dem Bericht des amerikanischen Präsidenten sind ja Prognosen, es handelt sich nicht um Zahlen, die auf Bevölkerungszählungen usw. basieren. Man muss sie mit Vorsicht genießen.

Autor: Da haben Sie sehr Recht. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass alle Zahlen, die in diesem Zusammenhang in Umlauf gebracht werden, auf Schätzungen basieren. Ohne Ausnahme. Der Einwand, den Sie gegen die Aussagen des amerikanischen Präsidenten anführen, kann genauso gut auch gegen die Behauptung geltend gemacht werden, die Mehrheit der anatolischen Armenier sei 1915 umgekommen. Übrigens: Auch proarmenische Organisationen haben festgestellt, dass die Moslems größere Verluste erlitten haben, als die Armenier.

Journalist: Welche Organisation soll das gemacht haben?

Autor: In einem Schreiben des Vorstandes der „Deutsch-Armenischen Gesellschaft“ (DAG) vom 6. Januar 1918 (also fast 11 Monate vor dem Kriegsende) an den damaligen Reichskanzler Graf Georg von Hertling heißt es wörtlich:
„Die Wünsche der Armenier gehen auf innere Autonomie, Selbstverwaltung der 6 armenischen Provinzen unter christlichen Beamten, Freiheit der nationalen und wirtschaftlichen Entwicklung. Das kann, wenn man  an Zugeständnisse der Türkei vor dem Kriege denkt, nicht als ein unbilliges Maß armenischer Forderungen bezeichnet werden. Wie bereits betont, sind die Provinzen jetzt von Mohammedanern großenteils entleert; die Armenier, die nach Rußland geflüchtet waren, bilden jetzt auch in Gegenden, wo es früher keine armenische Mehrheit gab, die Mehrzahl der Einwohner. Die Frage der Autonomie ist daher jetzt erheblich leichter lösbar als früher.“8)Cem Özgönül, Der Mythos eines Völkermordes, Köln 2006, S. 177. Vgl. auch: Die Armenische Frage und der Genozid an den Armeniern in der Türkei (1913 – 1919) Vardges Mikaelyan (Hrsg.) Yerevan 2004, S. 468 ff.

Journalist: Die Deutsch-Armenische Gesellschaft gibt es ja auch heute!

Autor: Ja, natürlich. Schauen Sie, dieses Dokument, das ich zitiert habe, ist 2004 in Armenien von einem armenischen Wissenschaftler publiziert worden. Er hat die zitierte Aussage nicht im Geringsten beanstandet. Was ist der Inhalt? Die Mehrheit der Bevölkerung in den fraglichen 6 Provinzen war vor dem Krieg nicht armenisch. Im Januar 1918 bilden aber die Armenier die Mehrheit! Daraus folgt zwangsläufig, dass die Muslime größere Verluste erlitten haben müssen. Das ist genau die Aussage, die zwei Jahre später auch in dem Bericht des amerikanischen Präsidenten zu lesen ist.

Journalist: Wenn die Armenier in Anatolien nicht vernichtet worden sind, wie kommt es, dass es heute in Anatolien keine Armenier mehr gibt?

Autor: Nach 1919 haben die armenische Nationalbewegung bzw. die erste Armenische Republik in Ostanatolien und Südostanatolien (dort gemeinsam mit den Franzosen) Krieg gegen die Türken geführt und verloren. In Westanatolien haben zahlreiche Armenier gemeinsame Sache mit den griechischen Invasionsarmeen gemacht.9)Es wurde erwähnt, dass es Armenier gegeben hat, die den türkischen Unabhängigkeitskrieg unterstützt haben. Es gab auch Griechen und insbesondere Juden, die sich in dem Unabhängigkeitskrieg an die Seite der Türken gestellt haben. Aus diesem Grunde gehörte der Hauptrabbi (hahambaşı) der türkischen Juden, Haim Nahum, als Berater der türkischen Delegation an, die in den Friedensverhandlungen in Lausanne die Türkei repräsentierte.Deswegen ist die armenische Bevölkerung nach dem Sieg der türkischen Waffen in die Nachbarländer geflüchtet.10)Es handelte sich um mehrere Flucht- und Rückkehrwellen. In Ostanatolien flüchteten hunderttausende von Armeniern bereits zu Beginn des Krieges nach Russland und Persien. Mit der russischen Invasion und insbesondere nach dem Sturz des Zaren (März 1917) flüchteten die Türken, dagegen kehrten viele Armenier zurück. Mit dem Vormarsch der Türken (Februar 1918) flüchteten die Armenier wieder, um nach dem Waffenstillstand Oktober 1918 erneut zurückzukehren. Nach dem türkischen Sieg Ende 1920 flüchteten die Armenier erneut. Mit der französischen Invasion in Kilikien gab es eine Rückkehr- und nach der Niederlage eine Fluchtwelle der Armenier. Während der Friedensverhandlungen in Lausanne, Ende 1922, hat die türkische Regierung alle Armenier mit osmanischer Staatsbürgerschaft eingeladen, in die Türkei zurückzukehren und ihnen für die Ansiedlung staatliche Hilfe versprochen. Doch die Anführer der armenischen Nationalbewegung haben dieses Angebot zurückgewiesen, weil sie hofften, durch die in den Flüchtlingslagern lebenden Armenier Druck auf die Türkei ausüben zu können. Das können Sie in den betreffenden Memoiren nachlesen.11)Siehe: Alexander Khatissian, The Lausanne Conference and the Two Armenian Delegations, Part III, S. 61. In: The Armenian Review, 1962, Vol. 15, Heft 1. Aharonian war Außenminister und später Premierminister der ersten armenischen Republik. Später wurde er zum Präsidenten der einen armenischen Delegation auf der Friedenskonferenz zu Paris (1919) und hat in dieser Eigenschaft den Vertrag von Sèvres unterschrieben Die anderen hochrangigen armenischen Persönlichkeiten, die die türkische Einladung in Lausanne zurückgewiesen hatten, hießen Noradoungian, und Khatissian. Noradoungian war 1912 Außenminister des Osmanischen Reiches gewesen und war 1913 zu einem führenden Mitglied der armenischen Nationalbewegung mutiert. Alexander Khatissian war Ministerpräsident der Armenischen Republik gewesen.

Journalist: Auch wenn die türkischen Armenier nicht vernichtet worden sein sollten, es bleibt die Tatsache, dass die osmanische Regierung 1915 hunderttausende von Armeniern zwangsweise in die Wüste geschickt hat, und dass dabei hunderttausende von Armeniern umgekommen sind bzw. umgebracht worden sind. Das ist Völkermord.

Autor: Sie hätten dann Recht, wenn der Beschluss für diese zwangsweise Verschickung der Armenier aus ideologischen Gründen, z. B. aus Haß gegen die Armenier, oder, wie oft behauptet wird, um Anatolien zu “türkisieren”, gefaßt worden wäre. Dem war aber nicht so. Die Osmanische Regierung hat diese sehr harten Maßnahmen gegen die Armenier in einer militärischen Krisensituation getroffen. Im Frühjahr 1915 mussten die osmanischen Armeen an drei Fronten gegen Russland, Frankreich und England, d. h. die drei mächtigsten Staaten der damaligen Zeit, kämpfen. Diese drei Staaten hatten mit dem bekannten Sykes-Picot Abkommen schriftlich vereinbart, die Türkei von der Landkarte zu streichen. Die armenische Nationalbewegung war durch die Person Boghos Nubar in diese Geheimgespräche zur Aufteilung des osmanischen Reiches einbezogen worden. Nubar hatte 1916 in der französischen Botschaft in London einen förmlichen Vertrag mit George Picot, dem Vertreter der französischen Regierung unterschrieben. 12)Vahan Papazian, The Armenian National Congress in Paris, in: The Armenian Review, February 1960, S. 62. Boghos Nubar, , trat den Vertretern von England, Russland und Frankreich gegenüber als Vertreter der türkischen Armenier auf und wurde auch als solcher angesehen. Auf der Friedenskonferenz zu Paris (1919) war B. Nubar der Präsident der einen der beiden armenischen Delegationen auf, und zwar ebenfalls als Vertreter der türkischen Armenier, im Gegensatz zu den Armeniern aus Kaukasus.England und Frankreich hatten mit der größten Landungsoperation der Militärgeschichte die Meerenge von Dardanellen angegriffen und gingen davon aus, dass sie in wenigen Tagen die osmanische Hauptstadt würden besetzen können. Genau in dieser Situation kam es hinter den türkischen Linien zu bewaffneten Aufständen, die von der armenischen Nationalbewegung angezettelt worden waren. Es war eine Notsituation, wo die Existenz des Osmanischen Reiches an einem seidenen Faden hing. Am 25. April 1915, als die alliierten Truppen an den Dardanellen landeten, gingen die Verantwortlichen in Paris und London davon aus, dass man innerhalb von drei Tagen die osmanische Hauptstadt erobert haben würde. Es gab einen heftigen Streit über die Teilnehmer der geplanten Siegesfeier. Auch die Anführer der armenischen Nationalbewegung teilten diese Zuversicht. Genau in diesen Tagen und mit der Erwartung eines baldigen Sieges der Alliierten kam es zu den bewaffneten Aufständen der armenischen Nationalbewegung.

Journalist: Die armenische Rebellion, von der Sie jetzt sprechen, ist eine türkische Erfindung, ein bloßer Vorwand der damaligen osmanischen Regierung, um die Vernichtung der Armenier zu bemänteln. Es hat keine armenische Rebellion gegeben.

Autor: Das schreiben viele. Kieser und Schaller behaupten, die armenische Rebellion sei eine »türkische Version der Dolchstoßlegende«. Man kann aber zeigen, dass diese Einwände unhaltbar sind.

Journalist: Ja natürlich, wenn Sie türkische Dokumente als Beweismittel verwenden, können Sie das machen.

Autor: Man benötigt gar keine türkischen Dokumente. Man kann die Beweisführung auf armenische und britische Dokumente stützen.

Journalist: Sie behaupten, dass Sie armenische Dokumente kennen, die eine armenische Rebellion beweisen. Es sind bestimmt Fälschungen bzw. Machwerke einiger Armenier, die vom türkischen Staat gekauft worden sind.

Autor: Seien Sie nicht so voreilig. Schauen Sie: Hier ist ein Aufsatz, der 1920 von dem ersten armenischen Botschafter in den USA geschrieben worden ist. Dieser Herr hieß Karekin Pastırmacıyan (auf Englisch schrieb er seinen Namen als „Pasdermadjian“) und war der offizielle Vertreter der ersten Armenischen Republik. Der Botschafter schreibt, dass die Führung der armenischen Nationalbewegung zu Beginn des Weltkrieges sowohl von der türkischen, wie auch von der russischen Seite je ein Angebot zur Zusammenarbeit erhalten hatte.13)Garo Pasdermadjian, D. SC.: Armenia. A Leading Factor In The Winning of World War I, in: The Armenian Review, Boston, 1964, Vol. XVII, S. 25. Man habe nach reiflicher Überlegung das türkische Angebot abgelehnt und sich entschlossen, die Russen zu unterstützen.14)Pasdermadjian, aaO. S. 25. Dabei sei sich die armenische Führung dessen bewusst gewesen, dass die armenische Unterstützung für die Russen Millionen von armenischen Zivilisten das Leben kosten würde. 15)Pasdermadjian, aaO. S. 43.Man habe dennoch diese Entscheidung getroffen, um die „Wiedergründung des Historischen Vereinigten Unabhängigen Armeniens“ zu erreichen. 16)Pasdermadjian, aaO. S. 44 (Englisch: “The re-establishment of the United Historic Independent Armenia”)Er schreibt ferner, dass die armenische National Bewegung hinter den türkischen Linien mehrere Rebellionen vom Zaun gebrochen und auf diese Weise fünf türkische Divisionen beschäftigt hätte,17)Pasdermadjian, aaO. S. 33. wodurch diese Divisionen nicht gegen die Russen hätten eingesetzt werden können. Im Ergebnis hätten die Armenier durch ihren heldenhaften Kampf die russische Kaukasus Armee vor einer Katastrophe gerettet. Die armenischen Rebellionen hätten einen ähnlichen Stellenwert gehabt wie Verdun an der Westfront.18)Pasdermadjian, aaO. S. 32. Sie sehen: Der offizielle Vertreter der armenischen Republik hat 1920 genau das im Detail beschrieben, was heute in der Mainstream Literatur als eine „türkische Erfindung“, als die „türkische Version der Dolchstoßlegende“ bezeichnet wird. Damit ist auch die Behauptung, die armenische Rebellion sei eine türkische Erfindung, vom Tisch.

Journalist: Offensichtlich war dieser Armenier, dessen Aufsatz Sie irgendwo ausgegraben haben, ein irre geleiteter Idiot, der es in den Wirren jener Zeit zufällig zum Botschafter gebracht hat.

Autor: Wir sollten niemanden beschimpfen. Der besagte Botschafter war gleichzeitig der offizielle Vertreter des Katholikos Kevork V, dem Geistigen Führer aller Armenier gewesen. Pastırmacıyan wird heute von vielen Armeniern als Held gefeiert, weil er im Weltkrieg an vorderster Front gegen die Türken gekämpft hatte. Es gibt armenische Jugendorganisationen, die seinen Kampfnamen „Armen Garo“ tragen. Sein Aufsatz ist 1964 in der armenischen Zeitschrift „The Armenian Review“ erneut veröffentlicht worden mit der Anmerkung, dass es ein überaus wichtiges und authentisches Dokument der armenischen Geschichte sei. Der Aufsatz ist damit 44 Jahre nach seiner ersten Publikation von autorisierter Stelle mit einem Güte Siegel ersten Ranges versehen worden. Pasdermadjian war ganz sicher keine unbedeutende Einzelerscheinung. Er war einer der wichtigsten und berühmtesten Führungsfiguren der armenischen Nationalisten.

Journalisten: Wollen Sie Ihre ganze Argumentation auf die Aussagen dieses Botschafters stützen?

Autor: Die Aussagen des Botschafters sind wichtig, denn er war offiziell bevollmächtigt, für die armenische Republik zu sprechen. Außerdem wird er auch heute sehr verehrt. Es gibt aber weitere hochrangige Vertreter der Armenischen Republik, die seine Aussagen stützen. So verlangte der armenische Ministerpräsident Aharonian im Januar 1920 im Gespräch mit dem Privatsekretär (Philip Kerr) des britischen Premierministers Lloyd Georges, britische Unterstützung, um die Türken aus Ostanatolien zu vertreiben Aharonian erklärte: „Es ist nur recht und billig wenn ich sage, dass die Alliierten verpflichtet sind, uns mit ihren Truppen zu helfen um die Türken aus unserem Vaterland zu vertreiben, weil die Armenier bereitwillig vier Jahre lang für Sie gekämpft haben.“19)Aharonian, Avetis: From Sardarapat to Sèvres and Lausanne. A Political Diary (Part II). In: The Armenian Review, Boston, Massachusetts, Winter, November, 1962, Vol. XV, No. 4-60, S. 54-66, hier: S. 63-64. Aharonian war Außenminister und Ministerpräsident der ersten Armenischen Republik. (Das Jahresdatum des Gespräches wird fälschlicherweise mit 1919 (statt 1920) angegeben.) Im Original: „It would only be fair if I said the Allies are duty-bound to help us with their troops to expel the Turks from our fatherland since the Armenians willingly fought for you for four years.“ Das zeigt folgendes: Sowohl der armenische Botschafter Pastırmacıyan, wie auch der armenische Ministerpräsident Aharonian erklärten 1920 ausdrücklich, dass die Armenier für die Alliierten gekämpft haben, mit anderen Worten, dass die Armenier Kriegsteilnehmer (belligerent) gewesen sind, und zwar auf der Seite der Allierten. Wenn aber die offiziellen Vertreter der Armenischen Republik sich als Kriegsteilnehmer bezeichnen, erscheint das ganze Geschehen in einem anderen Licht.

Journalist: Wahrscheinlich hat der armenische Ministerpräsident übertrieben, um sich Unterstützung zu verschaffen.

Autor: So sieht es nicht aus. Schauen Sie, die Darstellung des armenischen Ministerpräsidenten Aharonian wurde von führenden britischen Politikern übernommen. Im September 1924 hat der Vorsitzende der britischen Konservativen Partei Stanley Baldwin (er ist später dreimal britischer Premierminister geworden), gemeinsam mit Asquith, dem Vorsitzenden der Liberalen Partei, in einer Rede im britischen Unterhaus den damaligen Premierminister und Vorsitzenden der Arbeiterpartei zu einer großzügigen Unterstützung für die armenischen Flüchtlinge aufgefordert, und zwar “weil die Armenier durch Zusicherung der Freiheit ermuntert wurden, die Sache der Alliierten während des Krieges zu unterstützen, und weil sie für diese Sache so viel gelitten haben.”20)Fridtjof Nansen, Betrogenes Volk. Eine Studienreise durch Georgien und Armenien als Oberkommisar des Völkerbundes. Leipzig 1928, S. 331-332. Bemerkenswert ist, dass die beiden britischen Politiker das Leiden der Armenier in einen Zusammenhang mit der armenischen Unterstützung für die alliierte Sache stellen und auch erklären, man habe den Armeniern „Freiheit zugesichert“ und so sie zur Unterstützung der Alliierten ermuntert. Asquith war die Person, der 1915 als britischer Premierminister die britische Politik unmittelbar gelenkt hatte.

Journalist: Wenn das so wäre, müsste es auch andere Zeitzeugen geben, die einräumen, dass es eine armenische Unterstützung für die feindlichen Armeen gegeben hat.

Autor: Die gibt es auch, und nicht wenige. Zum Beispiel Aubrey Herbert.

Journalist: Wer ist das?

Autor: Aubrey Herbert war im Weltkrieg hochrangiger Offizier des britischen Geheimdienstes, der an den Dardanellen und an der Basra-Front gegen die Türken gekämpft hat. Hier die betreffende Stelle aus seinen Memoiren, die er auf seinem Totenbett, schon erblindet, diktiert hat:
„Obwohl die Armenier bei der Entwicklung und Modernisierung der Türkei eine Zukunft vor sich hatten, wurden sie von Europa verführt und zum Selbstmord verleitet. (…) Als der große Krieg begann wurden die christlichen Minderheiten von den Franzosen und von Mr. Lloyd George als die kleinen Alliierten der Großmächte begrüßt, die die Türkei bekämpften. Die Armenier, geschmeichelt durch diese Anerkennung, machten sich daran, 1915 die angreifenden russischen Truppen zu unterstützen und ab jenem Moment befanden sie sich in einer schrecklichen und unmittelbaren Gefahr.”21)Aubrey Herbert, Ben Kendim. A Record of Eastern Travel. London, 1924, S. 274 ff.

Journalist: Warum werden diese Dokumente in keinem der Bücher über den armenischen Völkermord erwähnt?

Autor: Warum die hier angeführten Belege in der Mainstreamliteratur nicht auftauchen, ist eine Frage, die man den betreffenden Autoren stellen sollte. Zur Frage der armenischen Rebellionen noch ein Zitat von einem Mann, der als der wichtigste lebende armenische Historiker für die jüngere armenische Geschichte gilt. Er schreibt:
„Doch waren die Armenier zu naiv. Während Zar Nikolas II und seine Beauftragte Bilder einer armenischen Autonomie und leuchtenden Zukunft malten, waren Russland, zusammen mit Großbritannien und Frankreich damit beschäftigt, die Aufteilung des osmanischen Reiches zu planen. Dokumente aus der Kriegszeit zeigen, dass die zaristische Regierung die Armenier bei der Eroberung des türkischen Armeniens benutzt hat, jedoch keine Absicht hatte, ihnen in irgendeiner Form Selbstverwaltung zuzugestehen. Sie wurden hofiert, so lange ihre Hilfe als erwünscht und notwendig erschien, doch sobald die grundlegenden russischen Ziele erreicht waren, wurden die Armenier wieder der traditionellen russischen Politik gegenüber den Minderheiten unterworfen.“22)Richard G. Hovhannisian, “Simon Vratzian and Armenian Nationalism”. In: The Armenian Review, Vol. XXIII, (spring 1970), S. 18 f.

Wie Sie sehen, betont auch dieser Historiker, dass der Zarismus die Armenier mit Zusagen über Autonomie getäuscht hat, und dass die Armenier bei der Eroberung des türkischen Armeniens vom Zarismus benutzt worden sind.

Journalist: Ich glaube Ihnen nicht.

Autor: Niemand erwartet, dass Sie irgendetwas glauben. Die obigen Belege können ohne großen Aufwand überprüft werden. Sie sind Journalist, es ist ihr Beruf, Informationen auf Stichhaltigkeit zu prüfen. Wenn ich prominente armenische und britische Akteure anführe, die selber erklären, dass die armenische Nationalbewegung mit der Waffe in der Hand gemeinsame Sache mit der russischen Armee gemacht hat, wird es klar, dass die armenische Rebellion von 1915 keine Erfindung der osmanischen Regierung gewesen ist. Es wäre Ihre Aufgabe, zu zeigen, warum die zitierten Aussagen von Pastırmacıyan, Richard G. Hovhannisian, Ahoranian, Baldwin, Asquith und Aubrey Herbert unglaubwürdig sein sollen.

Journalist: Was Sie erzählen, ist genau das, was der türkische Staat propagiert. Warum wiederholen Sie die Propaganda des türkischen Staates? Haben Sie das nötig?

Autor: Diese Bemerkung, die kein sachlicher Einwand ist, lenkt von der eigentlichen Frage ab. Ich könnte den Spieß umdrehen und Ihnen vorwerfen, dass Sie armenische Propaganda betreiben. Es geht nicht um unsere Personen, die, mit Verlaub, nicht so wichtig sind. Es kommt darauf an, ob die vorgelegten Dokumente stichhaltig sind oder nicht. Wenn Sie mit meinen Aussagen nicht einverstanden sind, sollten Sie versuchen, die Belege, die diese Aussagen untermauern, zu entkräften.

Journalist: Gust hat die deutschen diplomatischen Dokumente publiziert. Die deutschen Diplomaten und auch einige Militärs schreiben, dass es abgesehen von der Rebellion in Van, die zur Selbstverteidigung diente, keine armenische Rebellion gegeben hat, und der armenische Aufstand eine türkische Erfindung ist. Was wollen Sie dazu sagen?

Autor: Es gibt auch anderslautende Aussagen von deutschen Diplomaten und Militärs. Diese Tatsache ist vom Spiegel eingeräumt worden: Der Spiegel schrieb: “Antiarmenische Äußerungen und Ausdrücke des Mitgefühls in den internen deutschen Papieren halten sich nach Ansicht von Experten ungefähr die Waage.”23)Der Spiegel, Nr. 16 vom 18.4.2005, S: 145. Wenn man die Aussagen derjenigen deutschen Diplomaten und Offiziere, die die Zusammenarbeit der armenischen Nationalbewegung mit dem Feinde betonen, schon im Vorfeld als „antiarmenisch“ einstuft und ausblendet, bleiben zwangsläufig nur diejenigen Aussagen übrig, in denen die türkische Seite beschuldigt wird. Das ist die Methode der „Vorselektion“, die Lepsius und Gust praktizieren.24)In der wissenschaftlichen Literatur wird diese Art der Verzerrung als “confirmation bias” bezeichnet. Doch die Tatsache, dass führende Akteure der armenischen Nationalbewegung (wie Pastırmacıyan und Ahoranian) und britische Zeitzeugen die Rolle der armenischen Nationalbewegung als Unterstützer der Alliierten betonen, zeigt, wie einseitig und irreführend die Berichte der deutschen Diplomaten sind, die Lepsius und Gust publiziert haben.

Journalist: Deutschland war doch im Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet. Warum sollten deutsche Diplomaten die Türken grundlos beschuldigt haben?

Autor: Es hat ein Bündnis des Deutschen Kaiserreiches mit dem Osmanischen Reich gegeben, das bedeutet aber noch lange nicht, dass Berlin dem Osmanischen Reich gegenüber eine wohlwollende Politik betrieben hat. Im Gegenteil: Es gab mehr als einmal geheime Versuche der Berliner Diplomaten, hinter dem Rücken und auf Kosten des Osmanischen Reiches einen Separatfrieden mit Russland zu erreichen. Als Köder wurde die osmanische Hauptstadt angeboten. Das erfahren wir aus einem Bericht des russischen Botschafters in Stockholm, Nekliudov. Er berichtete, dass Deutschland für einen Separatfrieden mit Rußland dem Zarenreich “Konstantinopel und die Meeresengen zu bieten bereit wäre.” 25)Harry N. Howard, The Partition of Turkey. A Diplomatic History 1913-1923, New York 1931, 1966 edition, S. 133Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Während die türkische Seite mit größten Opfern und Unterstützung der deutschen Offiziere die Dardanellen und die türkische Hauptstadt verteidigt, versuchen deutsche Diplomaten einen geheimen Deal mit dem Zaren einzufädeln, mit dem die türkische Hauptstadt den Russen überlassen werden soll. Diese hinter dem Rücken des Verbündeten insgeheim verfolgte Politik hat sich zweifellos auf die Sichtweise nicht weniger deutscher Diplomaten und Offiziere abgefärbt. Es gab aber auch zahlreiche deutsche Offiziere, die sich vorbehaltlos für den Sieg der türkischen Waffen eingesetzt haben und die deshalb von den Türken hoch verehrt wurden. Z. B. von Goltz Paşa, der die Türkei so sehr liebte, dass er auf eigenen Wunsch in der Türkei begraben worden ist.

Journalist: Mir gefällt nicht, dass hier pauschal über „die Armenier“ gesprochen wird. Es gab Millionen von Armeniern im Osmanischen Reich, man kann sie nicht alle in einen Topf werfen.

Autor: Da muss ich Ihnen Recht geben. Diese pauschale Sprechweise ist sehr irreführend. Ich verwende sie nicht, dass ist die Schreibweise der zitierten Autoren. Ich muss sie so zitieren, wie sie geschrieben haben. In Wirklichkeit hat 1915 ein Teil der Armenier gegen die Türkei gekämpft, ein anderer, kleinerer Teil der Armenier hat sich auf die Seite der Türken gestellt. Es hat auch armenische Offiziere in der Osmanischen Armee gegeben.

Journalist: Wie kann das sein, man liest in allen Publikationen, dass die Jungtürkische Regierung alle armenisch stämmigen Offiziere und Soldaten entwaffnen und später umbringen ließ.

Autor: Das ist eine oft wiederholte Halbwahrheit. Ein Teil der Offiziere und Soldaten ist tatsächlich entwaffnet worden. Es gab aber dennoch armenisch stämmige Offiziere in der Osmanischen Armee. Es existieren sogar Denkmäler, wo die Namen der gefallenen armenisch stämmigen Offiziere Seite an Seite mit den Namen der gefallenen muslimischen, griechischen und jüdischen Offiziere im Marmor eingemeißelt sind.

Journalist: Wo denn?

Autor: Ich kenne zwei: In Erzurum und in İstanbul. Diese Monumente beweisen auch, dass die osmanischen Verantwortlichen nicht pauschal alle Armenier des Verrats bezichtigt haben [siehe Anhang].

Journalist: Selbst wenn es eine armenische Rebellion gegeben hätte, hätte das der osmanischen Regierung nicht das Recht gegeben, die osmanischen Armenier zu vernichten. Was sagen Sie dazu?

Autor: Die Behauptung, die osmanischen Armenier seien von den Jungtürken vernichtet worden, wird ständig wiederholt, trotzdem ist diese Behauptung falsch. Die Unhaltbarkeit dieser Behauptung haben wir oben an Hand eines Dokuments der Deutsch-Armenischen Gesellschaft und des Berichts von Präsident W. Wilson gezeigt. Es gibt auch andere Begebenheiten, die meine Ausführungen stützen. Ich will eine dieser Begebenheiten zitieren. Im Juni 1918 schickte die Ende Mai 1918 gegründete erste Armenische Republik eine Delegation nach İstanbul, in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Diese Delegation, die von Avetis Aharonian, dem damaligen Außenminister und späteren Ministerpräsidenten der ersten Armenischen Republik geleitet wurde, blieb bis zum Kriegsende, d.h. vier Monate lang in İstanbul.

Die armenische Delegation bemühte sich vergeblich um Anerkennung durch das Deutsche Reich und durch die Donaumonarchie, wobei sie in ihren Bemühungen durch Talat Paşa unterstützt wurde. Die armenische Delegation sprach mit den osmanischen Regierungsvertretern, insbesondere auch mit Enver und Talat Pascha und erklärte ihnen gegenüber ihre Dankbarkeit für die erwiesene Unterstützung.26)Richard G. Hovhannisian, The Republic of Armenia, Vol. I, The First Year, 1918-1919, London, Los Angeles, 1971, S. 51-55, insbesondere S. 52. Auch Alexander Khatisian (späterer Ministerpräsident der Republik Armenien) war Mitglied dieser Delegation. Hätte der Außenminister der ersten Armenischen Republik Talat Paşa und Enver Paşa persönlich gedankt, wenn diese Politiker die osmanischen Armenier vernichtet hätten? Hätte die armenische Delegation vier Monate in İstanbul verbracht (sie hätten in die Schweiz fahren können), wenn die Türken für die Vernichtung der anatolischen Armenier verantwortlich gewesen wären?

 

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