Hintergrund der Kämpfe vom Musa Dag

Replik auf Werfel: Hintergrund der Kämpfe vom Musa Dag

So beeindruckend Werfel’s literarische Darstellung des Kampfes vom Musa Dag aus dem Gesichtswinkel der armenischen Flüchtlinge ist, sie ist lediglich die eine Seite des Geschehens. Die Hintergründe der Auseinandersetzungen vom Musa Dag erschließen sich erst, wenn man das Geschehen in dem größeren Zusammenhang des Weltkrieges betrachtet1)ür einen Überblick über die Haltung der armenischen Nationalbewegung im Weltkrieg siehe: http://www.istanbulpost.net/10/06/02/arm_meer_zu_meer_2010-06-27.pdf.

Musa Dag ist ein schwer zugänglicher Berg nahe der heutigen türkisch-syrischen Grenze.

Musa Dag ist ein schwer zugänglicher Berg nahe der heutigen türkisch-syrischen Grenze.

Die osmanische Regierung hatte als Begründung für ihre brutalen Maßnahmen gegen die Armenier erklärt, dass die Armenier rebellierten und die feindlichen Armeen unterstützten. Es gibt ernst zu nehmende Dokumente, die diesen Vorwurf stützen. In einem Brief von Lawrence (besser bekannt als “Lawrence von Arabien”), an seine Familie lesen wir: “Welch ein Vermögen könnte man jetzt mit einer Ladung billiger Gewehre machen! Die Armenier rüsten wie wild.” 2)Jeremy Wilson, Lawrence von Arabien. Die Biographie. München 1999, S. 124. Zitiert aus dem Brief vom 2.2.1913 an seine Familie. Der britische Agent Lawrence arbeitete damals (getarnt als Archäologe) in der osmanischen Provinz Halep (Aleppo). Sein Biograph bestreitet deşsen Agententätigkeit, doch die Berichte, in denen Lawrence die geeignesten Angriffsstellen einer britischen Invasion diskutiert und die Tatsache, dass die britischen Behörden den zitierten Privatbrief 50 Jahre lang als geheim eingestuft haben, widerlegen dies.Dieser Brief zeigt, dass sich die armenische Nationalbewegung schon über ein Jahr vor dem Ausbruch des Weltkrieges auf eine Auseinandersetzung vorbereitete.

Als das Osmanische Reich Ende Oktober 1914 in den Weltkrieg eintrat, sahen die Kriegspläne der Briten als ersten Angriff auf das Osmanische Reich eine Invasion in der Bucht von İskenderun vor. Der Vertreter der türkischen Armenier, Boghos Nubar, wandte sich schon in den ersten Wochen von November 1914 an die britischen Behörden in Ägypten, und sicherte den Briten die Unterstützung durch die armenische Bevölkerung dieser Region, falls die Briten sich für eine Invasion entscheiden sollten. So unterrichtet Boghos Nubar am 28. Juli 1915 mit einem Brief aus Paris „seine Heiligkeit, oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier“, Kevork V, über die eigenen Bemühungen:

„… Am Anfang des letzten Novembers3)Gemeint ist November 1914. Bekanntlich hatte Rußland am 2.11.1914 des Osmanischen Reich gegenüber den Krieg erklärt (nach der provokatorischen Bombardierung der russischen Häfen an der Schwarzmeerküste durch die deutschen Kriegsschiffe Göben und Breslau, was mit Wissen und Billigung von Enver Paşa geschah). Der Vorstoß von Nubar muß daher wenige Tage nach dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches stattgefunden haben. habe ich mich [d. h. Boghos Nubar] an die militärischen und zivilen britischen Behörden gewandt und schlug vor, dass sie an der Küste von Kilikien Truppen landen und die Häfen von Mersin und İskenderun sowie die Ebenen von Adana besetzen. Ich versprach ihnen, dass ich nach dieser Besetzung der Armee eine große Anzahl von Anführern, Dolmetschern und Lobbyisten zur Verfügung stellen würde, deren Aufgabe es unter anderem sein würde, die armenische Bevölkerung im Gebirge zur Rebellion zu führen. Damit würden sie den Alliierten helfen, unter der Bedingung, dass die letzteren den Armeniern die erforderlichen Waffen und Munition liefern würden.“4)Ghazarian, Vatche, (Hrsg.) Boghos Nubar’s Papers and the Armenian Question 1915-1918. Documents. Waltham (USA), 1996, S. 212.

Diese Angaben werden durch die Unterlagen des französischen Außenministeriums bestätigt. Der französische Generalkonsul in Ägypten berichtet in einem Schreiben vom 24. November 1914, dass Boghos Nubar denselben Vorschlag auch dem französischen Vertreter unterbreitet hat.5)Eine Fotokopie dieses Schreibens ist auf der Webseite der türkischen Historischen Gesellschaft zu finden.

Da die Briten sich tatsächlich für diese Invasion entschieden hatten, besuchte Sir John Maxwell, der Befehlshaber der britischen Streitkräfte in Ägypten, Boghos Nubar, und erkundigte sich bei ihm, wie die Unterstützung durch die Armenier aussehen würde. Dazu schreibt Boghos Nubar am 3.2.1915 in einem Memorandum:

“Nachdem die Regierung Ihrer Majestät, die britische Regierung, sich für eine Expedition zu den Küsten von Alexandretta entschieden hatte, beehrte mich General Sir John Maxwell6)Sir John G. Maxwell, 1915 Befehlshaber der britischen Streitkräfte in Ägypten. mit einer Unterredung und fragte mich über die Einzelheiten der Unterstützung, die die armenische Bevölkerung von Kilikia dieser Expedition geben könnte. Als Antwort zu dieser Frage [sagte ich], dass ich ohne Zögern erklären kann, dass meine Landsleute die britischen Soldaten als Befreier begrüßen und sie mit allen Mitteln unterstützen würden, unter der Voraussetzung, dass ihre lokalen nationalen Autoritäten einem solchen Schritt nicht widersprechen würden. […] Ich würde einer der ersten sein, um meine Landsleute zur Unterstützung der britischen Soldaten aufzurufen, wenn man mir die Zusicherung geben würde, dass sie nicht einer Rache zum Opfer fallen würden, wie dies in den vilayets von Erzurum und Van der Fall gewesen ist. Dort hatten die Türken, nach dem die Armenier zu Beginn des Krieges in der Hoffnung, dass die russische Besetzung von Dauer sein würde, die vorrückenden russischen Soldaten in Armenien unterstützt hatten, die Armenier massakriert, nach dem die Russen sich nach den Schlachten von Ardahan und Sarikamisch in den Kaukasus zurückgezogen hatten.”7)Ghazarian, Vatche, (Hrsg.) Boghos Nubar’s Papers and the Armenian Question 1915-1918. Documents. Waltham (USA), 1996, S. 3-4

Nubars Zeilen können wir wie folgt zusammenfassen: Zu Beginn des Weltkrieges, als die Briten als ersten Angriff auf die Türkei eine Landungsoperation in der Bucht von İskenderun (Alexandretta) erwogen hatten, hat sich der Befehlshaber der britischen Truppen in Ägypten persönlich an den Vertreter der armenischen Nationalbewegung gewandt und um Unterstützung der türkischen Armenier für die geplante Invasion gebeten. Offenbar war die Vertrauensbasis zwischen den Briten und der armenischen Nationalbewegung tragfähig genug, um Bogos Nubar in die geheimen Operationspläne der Briten einzuweihen. Nubar war bereit, den Invasionsarmeen jede mögliche Unterstützung zu versprechen, falls die Briten sich zu einer endgültigen Besetzung der betreffenden türkischen Gebiete entschließen würden. Nubar vermerkt außerdem, dass die türkischen Armenier an der russischen Grenze zu Beginn des Krieges die in das türkische Gebiet einmarschierenden russischen Truppen unterstützt hatten, nach dem unerwarteten Rückzug der Russen jedoch von den Türken (wegen dieser Unterstützung) massakriert wurden. Demnach haben die Briten um Unterstützung gebeten, der Vertreter der armenischen Nationalbewegung hat diese Unterstützung unter der Voraussetzung zugesagt, dass die Besetzung des türkischen Gebietes endgültig sein sollte. Aus Nubar’s Feder erfahren wir zudem, dass auch das britische Militär sich für die Einbeziehung der armenischen Bevölkerung in ihre konkreten Angriffspläne auf die Türkei eingesetzt hat.

Dass die Pläne für die Landung verschoben werden mussten, lag an der französischen Opposition zu diesem Plan,8)Die Franzosen lehnten die Präsenz von starken britischen Verbänden in Kilikien ab, da sie Syrien und Kilikien für sich selbst beanspruchten. so kam es, dass die Briten dem Flottenangriff auf die Dardanellen den Vorzug gegeben haben. Man hoffte in London, auf diese Weise die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, İstanbul, rasch zu besetzen und auszuschalten und gleichzeitig durch Materiallieferungen dem zaristischen Russland zu helfen, das in große Schwierigkeiten geraten war, weil die Türken die Schiffahrt durch die türkischen Meeresengen unterbunden hatten. Entsprechend diesem Plan sollte die Invasion an der Bucht von İskenderun an zweiter Stelle, nach der Besetzung der Osmanischen Hauptstadt erfolgen. In London und Paris war man überzeugt, dass die kombinierte französisch-britische Flotte ohne Schwierigkeiten die Verteidiger an den Dardanellen überwinden und schon am Abend des selben Tages İstanbul erreichen würde. Außerdem ging man davon aus, dass die Armenier und die Griechen in İstanbul einen bewaffneten Aufstand beginnen würden, sobald die alliierte Flotte vor İstanbul erscheinen würde. Unmittelbar nach der Besetzung der Osmanischen Hauptstadt sollte die Invasion an der Bucht von İskenderun erfolgen. Mit dem Beginn der Invasion sollten die Armenier der Region einen bewaffneten Aufstand starten, um die Invasionskräfte der Alliierten zu unterstützen.

Doch wurden diese Pläne der Alliierten durch die erfolgreiche Abwehr der britisch-französischen Flottenangriffes an den Dardanellen am 18.3.1915 zunächst vereitelt. Als der Flottenangriff mißlang, unternahm man am 25.4.1915 eine Landung an der Gallipoli-Halbinsel. Auch bei dieser Operation herrschte auf der Seite der Engländer und der Franzosen eine allgemeine Siegesstimmung, es wurde erwartet, dass die kombinierten britisch-französische See- und Landstreitkräfte in wenigen Tagen die Hauptstadt des Osmanischen Reiches besetzen und das Ende des türkischen Staates besiegeln würden.9)Alan Moorehead, Gallipoli, 1997, Hertfordshire. S. 101 Der Besetzung der Hauptstadt sollte die Invasion der britisch-französischen Streitkräfte in der Bucht von İskenderun folgen. Für die Unterstützung der geplanten Invasion an der Bucht von İskenderun, die dem als sicher betrachteten Durchbruch an den Dardanellen folgen sollte, war auch die örtliche armenische Kirchenleitung miteingeplant worden. Das Schreiben von Boghos Nubar an den „Katholikos von Kilikien, seine Heiligkeit Sahag Khabaian“ vom 17./30. April 1915 erhellt diese Beziehungen. Bogos Nubar hatte diesen Brief kurz nach der Landung der Alliierten an den Dardanellen am 24.4.191510)Ghazarian, Vatche, (Hrsg.) Boghos Nubar’s Papers and the Armenian Question 1915-1918. Documents. Waltham (USA), 1996, S. 14-16. Die Dokumente von Boghos Nubar sind besonders interessant, weil sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. geschrieben.

Boghos Nubar

Boghos Nubar

Der Brief sollte zu Beginn dieser Invasion durch Kuriere dem armenischen Katholikos von Kilikien ausgehändigt werden. Das Schreiben enthält wörtlich die Aufforderung, dass die Armenier in Kilikien der alliierten Expedition bei dessen Landung mit allen möglichen Mitteln helfen sollen. Um Missverständnissen vorzubeugen, hat Boghos Nubar seine Weisung präzisiert und schrieb, dass die Hilfe die „einheitliche Rebellion der Armenier gegen die türkischen Autoritäten, überall, wo dies möglich ist“ einschließen sollte.11)Wörtlich: „The assistance should not be bound merely by a warm reception and some small services. It should include a unified rebellion of the Armenians against Turkish authorities, wherever possible.” Boghos Nubar schreibt unter anderem:

“Ich bin zuversichtlich, dass wenn Sie diesen Brief erhalten, Konstantinopel in den Händen der Alliierten sein wird. Außerdem werden Sie Zeuge einer Landung der alliierten Soldaten in unserem geliebten Kilikien sein. Diese Soldaten werden den Befehl haben, das Land nicht eher zu verlassen, als das Schicksal der Armenier entschieden ist.

(…)
… Ich denke, dass es die Pflicht der Armenier von Kilikien ist, den Alliierten mit allen möglichen Mitteln zu helfen, wenn die alliierte Expedition dort landet.

Die Hilfe sollte nicht nur bei einem warmen Willkommen und kleinen Diensten bestehen. Sie sollte eine einheitliche Rebellion der Armenier gegen die türkischen Autoritäten umfassen, und zwar, wo immer dies möglich ist.“12)Ghazarian, Vatche, (Hrsg.) Boghos Nubar’s Papers and the Armenian Question 1915-1918. Documents. Waltham (USA), 1996, S. 14 f. Wörtlich: „The assistance should not be bound merely by a warm reception and some small services. It should include a unified rebellion of the Armenians against Turkish authorities, wherever possible.”.

Dieses Schreiben, dass zu Beginn der Invasion durch Kuriere dem armenischen Patriarchen von Kilikien ausgehändigt werden sollte, belegt ein weiteres Mal, dass die Vertreter der armenischen Nationalbewegung auch in die geheimen Operationspläne der Alliierten eingeweiht waren, dass die armenische Kirche im Osmanischen Reich zum ausführenden Organ eines bewaffneten Aufstandes geworden war, und der christliche Patriarch als Organisator einer bewaffneten Rebellion fungierte, und schließlich dass die osmanischen Regierung zur zwangsweisen Umsiedlung der Armenier gefasst hatte, und die geplante Rebellion in enger Abstimmung mit den Operationsplänen der Briten und der Franzosen erfolgen sollte. Diese Fakten entkräften den oft wiederholten Einwand, die bewaffneten Aufstände seien eigentlich keine Aufstände, sondern lediglich ein Widerstand gegen die zwangsweise Umsiedlung gewesen. Wie man an Hand der angeführten Dokumente erkennt, wurden die armenischen Aktionen mehrere Monate vor dem Beschluss der zwangsweisen Umsiedlung geplant. Da der Angriff auf die Dardanellen scheiterte, wurden auch die Pläne für eine Invasion in der Bucht von İskenderun und die damit zusammenhängenden Vorbereitungen für einen armenischen Aufstand hinfällig. Dies lag jedoch nicht daran, dass sich die armenische Nationalbewegung eines besseren besonnen und die Aufstandspläne fallengelassen hätte. Es scheiterte an den Alliierten, die nicht in der Lage gewesen waren, ihre Invasionspläne zu realisieren.

Die osmanische Regierung, die von den Aufstandsplänen der Armenier in der Region von İskenderung rechtzeitig erfahren hatte, ordnete die zwangsweise Überführung der dortigen Armenier in die Ebene von  Konya an (das war der Beginn der zwangsweisen Verschickung. Später hat man die Armenier in die umgekehrte Richtung, nach Aleppo, geschickt). Ein Teil der regionalen Armenier, die vergeblich auf die britische Invasion gewartet hatten, hatte sich auf den Musa Dag zurückgezogen und konnte der zwangsweisen Umsiedlung enkommen. Sie wurden später von französischen Kriegsschiffen abgeholt und nach Ägypten gebracht. Werfel hat diese Episode literarisch verarbeitet.

Der bekannte deutsche Archäologe Wiegand, der sich damals als deutscher Offizier in dieser Region aufhielt, schreibt in seinen Erinnerungen:

“Als die Türken die fleißige armenische Bevölkerung, die hauptsächlich Seidenraupenzucht betrieb, auch in dieser Gegend von Haus und Hof vertreiben wollte[n] – wegen Spionage und Verbindung mit den Engländern auf Cypern -, setzten sich die Armenier gegen das türkische Aufgebot unter Fachri Pascha drei Monate lang mit der Waffe zur Wehr: Schließlich zogen sie sich mit Frauen und Kindern im Schutz des  Felskanals an die Küste zurück, wo sie, ungefähr 10.000 an der Zahl, von englischen Schiffen aufgenommen und nach Cypern überführt wurden.13)Wiegand war im Zivilleben unter anderem Präsident des Archäologischen Institutes des Deutschen Reiches und zählt zu den Gründern des Pergamonmuseums. Seine Darstellung muß an einigen Punkten berichtigt werden: Die Armenier, deren Zahl etwas mehr als 4.000 betrug, wurden zwischen 5. und 13. September 1915 von drei französischen Kriegsschiffen aufgenommen und nach Ägypten gebracht. Vgl. The Armenian Review, spring 1973, s. 11

Der Widerstand der Armenier ereignete sich in der Zeit der Dardanellenkämpfe, als alle kampfkräftigen türkischen Truppen dorthin abgezogen waren. Es war unter der Perspektive der alliierten Strategie geeignet, die militärischen Dispositionen der Türken zu stören, weil eine alliierte Landung im Bereich des Golfes von Iskenderun die Verbindungen des Osmanischen Reiches durchschnitten hätte. Die Aufständischen wurden nach Cypern überführt, als sie diesen Dienst geleistet hatten.” 14)Halbmond im letzten Viertel. Briefe und Reiseberichte aus der alten Türkei von Theodor und Marie Wiegand 1895 bis 1918, herausgegeben von Gerhard Wiegand, München 1970, S. 257. Die letzte Offensive der Briten an der Dardanellenfront war im August 1915 unter großen Verlusten gescheitert. Diese Niederlage veranlaßte auch Bulgarien, an der Seite Deutschlands und der Türkei in den Krieg einzutreten. Insofern gibt es auch eine zeitliche Übereinstimmung, die die obige Aussage Wiegands stützt.

Wiegand, der die geheimen Vereinbarungen zwischen den Engländern und der armenischen Nationalbewegung nicht kannte, stellt dennoch fest, dass die Episode Musa Dag im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen relevant war. Die Ereignisse von Musa Dag kann man erst dann richtig einordnen, wenn man die Dokumente von Boghos Nubar betrachtet.

Aus den zitierten Dokumenten geht hervor, dass Boghos Nubar bereits wenige Tage nach dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches den Plan für den koordinierten armenischen Aufstand sowohl den Briten wie auch den Franzosen vorgelegt hatte. Die bevollmächtigten Vertreter der armenischen Nationalbewegung taten alles in ihrer Macht stehende, um eine Beteiligung der Armenier an den Kriegsoperationen gegen die Türkei zu erreichen.

Boghos Nubar war der bevollmächtigte Vertreter seiner Heiligkeit Kevork V, des „geistigen Führers Aller Armenier“, und in dieser Funktion der Sprecher der armenischen Nationalbewegung in Europa. Er war derjenige, der die geheimen Verhandlungen zwischen den Russen, Franzosen, Briten und der armenischen Nationalbewegung führte und die Geheimverträge zur Aufteilung der Türkei mitunterzeichnete. Zusammenfassend können wir festhalten, dass in Folge des Befehls der zwangsweisen Verschickung die türkischen Armenier zweifellos sehr viel leiden mußten. Wenn man hierfür den Jungtürken Vorwürfe macht, sollte man auch berücksichtigen, dass die Verantwortung für diese Vorgänge zu einem nicht geringem Teil auf den Schultern der Anführer der armenischen Nationalbewegung (z. B. Boghos Nubar) ruht, die die türkischen Armenier zur Rebellion gegen die eigene Regierung und zur Zusammenarbeit mit den feindlichen Mächten angestiftet haben. Auch die britische Regierung, die die osmanischen Armenier als fünfte Kolonne einsetzen wollte, hat sich schuldig gemacht.
Wohl aus diesem Grunde hat Nansen, der sich als Oberkommisar des Völkerbundes nach dem Weltkrieg für die Armenier eingesetzt hatte, sein Buch „Betrogenes Volk“ mit der folgenden Feststellung beendet:

“Wehe dem armenischen Volk, dass es in die europäische Politik verwickelt wurde! Ihm wäre besser, wenn sein Name nie im Munde eines europäischen Diplomaten gewesen wäre.”15)Fridtjof Nansen, Betrogenes Volk. Eine Studienreise durch Georgien und Armenien als Oberkommisar des Völkerbundes. Leipzig 1928, S. 334. Nansen nennt die Armenier “Betrogenes Volk”. Von wem und wie wurden die Armenier betrogen? Die Antwort auf diese Frage ist der Schlüssel zum Verständnis der Ereignisse von 1915.

Kurze Angaben zu Boghos Nubar (1851-1930): Nubar war der Sohn einer sehr wohlhabenden osmanisch-armenischen Familie, wuchs in Ägypten auf und hatte eine gute Ausbildung als Ingenieur erhalten. Nachdem er sich für wohltätige Zwecke engagiert hatte, ist er 1912 von dem Katholikos Kevork V (geistiger Führer aller Armenier) als sein Vertreter gegenüber Frankreich, England und Russland ernannt worden und hat in dieser Eigenschaft die Verhandlungen über die “armenische Reform” geführt. Nach dem Ausbruch des Weltkrieges hat er als Vertreter der Armenier in den Verhandlungen zur Aufteilung des Osmanischen Reiches teilgenommen. In diesem Zusammenhang hat er 1916 in der französischen Botschaft in London einen förmlichen Vertrag mit George Picot, dem Vertreter der französischen Regierung, unterschrieben. 16)Vahan Papazian, The Armenian National Congress in Paris, in: The Armenian Review, February 1960, S. 62. Dies wird auch von Tessa Hofmann bestätigt. Vgl. Tessa Hofmann (Hg.) Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912 – 1922, 2004, S. 175, Fussnote 43Nach dem Krieg war B. Nubar der Präsident der einen armenischen Delegation auf der Friedenskonferenz zu Paris. Auf dieser Konferenz erklärte Nubar in seiner offiziellen Rede: “Die Auslöschung der Türkei ist wesentlich für den Weltfrieden.”17)Stephen Bonsal, Armenian Disaster, in: The Armenian Review, Summer 1950, S. 46. Auf Englisch: „The extinction of Turkey is essential to world peace.“

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